Erschienen im Heidetölter Ausgabe 1/2010:
Warum ist Gymnastizierung für meinen Isi so wichtig?
(von Silke Hinsch, IPZV Trainer C)
Mit dem Reiten von Islandpferden verbindet man Reitgenuss in der freien Natur, fröhliche Ausritte in der Gruppe, Endlostölt in den Sonnenuntergang oder auch mal wilden Rennpass.
Kaum einer stellt sich ein Islandpferd
in einem Dressurviereck vor. Korrekt gebogen, losgelassen und
durchlässig, weich nachgebend im Genick und mit aufgewölbtem
Rücken.

Die Grundausbildung vieler Islandpferde ist auch heutzutage leider immer noch rudimentär. Die Pferde sollen innerhalb von 3 Monaten vom rohen, manchmal sogar halbwilden Jungpferd zum Dauertölter für jedermann werden. Leider klappt dies in den meisten Fällen nur über das gezielte Hineinreiten von Verspannung in die Pferde. Diese Pferde gehen in einer verkrampften Haltung dauerhaft mit weggedrücktem Rücken über dem Zügel und oft endet dies unter einem durchschnittlichen Freizeitreiter im „Schweinepass“. Dies geht nicht nur zu Lasten der Pferdepsyche, sondern hinterlässt seine Spuren ebenso in der Muskulatur (Verspannungen bis hin zur Degeneration einzelner Muskelpartien oder extremer Ausbildung „falscher“ Muskeln, z.B. Unterhals) oder dem Skelett (Arthrose, Kissing Spines). Soweit darf es nicht kommen!
Leider hält sich in der Isi-Szene immer noch hartnäckig das Gerücht,“ Dressurreiten macht den Tölt kaputt“.
Führt man sich jedoch das Pferd mit dem verkrampften Rücken, dem Unterhals und dem hochgerissenen Kopf vor Augen, lässt sich dies auch ganz leicht erklären: Dem Pferd fehlen schlicht Muskeln und Technik, um losgelassen über den Rücken zu laufen. Verliert es durch lösende und gymnastizierende Arbeit seine Verspannung, verliert es zunächst oft auch Takt und Aufrichtung. Eine Umgewöhnung auf biomechanisch korrektes Reiten bedarf einiger Zeit und eines gezielten Muskelaufbaus.
Schon einige wenige Übungen, Verständnis für die biomechanischen Vorgänge und Geduld können viel Positives für Pferd und Reiter bewirken.
Gymnastizierung findet nicht nur im Dressurviereck statt, sondern sollte zu einem festen Bestandteil jeglicher Beschäftigung mit dem Pferd werden. Warum nicht beim Ausritt zwischendurch mal Schenkelweichen oder Schulterherein reiten? Warum nicht auf dem Waldweg Tempounterschiede, Übergänge oder den Wechsel zwischen gradueller Versammlung und Vorwärts/Abwärts? Zirkuslektionen, wenn mal wieder das Wetter nicht mitspielt? Rückenfreundliches Longieren, wenn die Zeit für den Ausritt nicht reicht?
Die Grundlagen dafür muss ich mir allerdings im Dressurviereck erarbeiten.
Ziel dieser Arbeit ist es, beim Pferd ein komplettes Bewegungssystem ebenso wie Konzentration und Bereitschaft zur Mitarbeit zu erhalten.
Einige der wichtigsten Grundlagen sind Biegung, Stellung und Schulterkontrolle. Viele Pferde kommen nicht korrekt gebogen und mit angehobener Schulter bei aktiver Hinterhand um die Ecken. Jede Wendung führt zu einem Gleichgewichtsverlust. So kann natürlich keine Leichtigkeit entstehen. Das Pferd „rettet“ sich durch Losstürmen und/oder Fallen auf die innere Schulter , der Reiter fühlt sich wie auf einem Motorrad.
Durch Lockerung des Genicks, Aktivierung der Hinterhand, das Erlernen neuer Bewegungsmuster (z.B. Seitengänge) und Motivation durch positive Verstärkung, gelangen Pferd und Reiter zu physischer und psychischer Losgelassenheit , der Grundlage für Freude an der Arbeit und Lernerfolg.

Hierauf aufbauend kann dann auch mit versammelnden Lektionen und daraus mit gesunder Töltarbeit angefangen werden.
Es lohnt sich also durchaus diesen Weg zu gehen, auch wenn er zunächst vielleicht etwas länger erscheint.